Marianne Birthler zur Sachsen-Anhalt-Wahl: Demokraten im Osten in der Mehrheit, AfD-Erfolg wegen fehlender Streitkultur

Die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Marianne Birthler, hat angesichts der bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekräftigt, dass demokratisch eingestellte Menschen in Ostdeutschland in der Mehrheit seien.

„Natürlich besorgen die Umfragen auch mich sehr“, sagte sie dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, fügte aber hinzu: „Diejenigen, die die Demokratie erhalten wollen, sind auch im Osten nach wie vor in der Mehrheit. Wer sich dieser Tage in Sachsen-Anhalt umschaut, kann dort eine vielgestaltige und lebendige Zivilgesellschaft erleben. Vielleicht hat jetzt auch die Gefahr, die durch die AfD droht, viele Menschen mobilisiert.“

Birthler sagte mit Blick auf Ostdeutschland weiter: „Viele Menschen waren nach den 90er-Jahren froh, die Umstellungsprobleme in Beruf und Leben einigermaßen überwunden zu haben. Jetzt haben viele Angst, ihren Wohlstand wieder zu verlieren – und sehen dabei nicht, dass die Wahl der AfD dahin der sicherste Weg ist.“ Daneben gebe es weitere Gründe, die die Partei in Ostdeutschland begünstigten. „So wurde der Nationalsozialismus in der DDR nie wirklich aufgearbeitet. Wir lebten in einem offiziell antifaschistischen Staat. Wir waren die Erben der Widerstandskämpfer und der Opfer. Wir waren also `die Guten`. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung und Schuld für den Nationalsozialismus schien gar nicht nötig zu sein und ist deshalb nicht geführt worden.“

Zudem hätten viele frühere DDR-Bürger erstmal verstehen müssen, „dass es zu fast jedem Thema drei oder vier verschiedene Meinungen gibt, die allesamt berechtigt sind. Eine Kultur des respektvollen Streitens ist im Osten ziemlich unterentwickelt.“ Und schließlich seien Ostdeutsche vor und nach 1989 millionenfach in den Westen gegangen. „Die fehlen hier natürlich.“

Die 78-Jährige unterstrich zugleich, „dass viele Ost-West-Unterschiede gradueller und nicht prinzipieller Natur sind. In vielen Regionen des Westens gibt es auch Probleme – und Menschen, die meinen, die AfD würde sie lösen. In Pforzheim kam die AfD auf fast 27, in Karlsruhe auf 11 Prozent.“ Umgekehrt gebe es aus Ostdeutschland „schöne, teils wunderbare Geschichten“ zu erzählen.

Foto: via dts Nachrichtenagentur

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